Frauenforschung

Frauenforschung
Wer sich mit dem Begriff des Feminismus befasst, muß feststellen, daß in der Geschichte der Menschheit eine riesige Lücke klafft. Die Frau kommt darin nämlich meist nur insofern vor, als sie sich auf den Mann bezieht. Durch ihren Beitrag festigt sie in aller Regel seine Stellung und sein Wirken, oder aber im eher seltenen gegenteiligen Fall untergräbt sie es bis hin zur Zerstörung. Wann wäre sie selbst Gegenstand des Interesses gewesen? Oder anders gefragt: Zu welchem Zweck und zu wessen Nutzen hat sie sich in der Weltgeschichte bewegt?
Etwa zu ihrem eigenen Vorteil? Das wäre geradezu wider ihre Natur, denn heißt es nicht, Frauen wären per se uneigennützig…oder aber Luder, natürlich, auch das. Woher kommen solche Ansichten, wer erhält sie aufrecht? Ist das den Frauen möglicherweise so lange eingeredet worden, bis sie es schließlich selbst glaubten?
Zu viele Fragen sind hier über Jahrhunderte ungefragt geblieben oder mit uralten  Klischees bedient worden. In der Folge der Frauenbewegung in den 1970er Jahren entstanden aus einer von Vielen empfundenen dringenden Notwendigkeit heraus eigene Frauen-Forschungsbereiche. 1986 wurde in Bonn der erste Lehrstuhl für Historische Frauenforschung eingerichtet. Das führte auch im Rahmen einer komplexeren Sichtweise als „Geschlechtergeschichte“ zu ganz neuen Fragestellungen und – wenn auch noch lange nicht endgültigen – Ergebnissen. Hier werden die Leistungen einzelner Frauen zum Gegenstand der Forschung gemacht und natürlich auch das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Themen werden aufgegriffen, die die dunkelsten Kapitel spätmittelalterlicher Hexenverfolgungen nicht aussparen, die spezifische Rolle von Frauen im Nationalsozialismus hinterfragen, Matriarchate wissenschaftlich kartographieren und erforschen und schließlich die Geschichte der Frauenbewegung und des Feminismus an sich beleuchten.
Dabei stellt sich ganz nebenbei die (sofort als lächerlich empfundene) Frage, ob es ebenso Sinn machte, einen hypothetischen Begriff, der etwa  „Männerforschung“ heißen könnte, zu beleuchten, in gleicher bzw. ähnlicher Weise, wie es der vorliegende Bericht zum Thema „Frauenforschung“ unternimmt?
Die Antwort auf diese Frage zeigt ihre Notwendigkeit und Legitimation. Sie liegt in der Geschichte begründet und ist kurz und schmerzhaft: Das Patriarchat erschien von alters her als eine gottgewollte Autorität und leitete daraus seine politische Berechtigung her. In den Zeiten, als sie nicht in Frage gestellt wurde, wird die angeblich „natürliche“ Herrschaft von den Vätern auf die Söhne vererbt, der rechtfertigende Begriff ist der des „Gottesgnadentums“.
Der sehr wohl auch existierende gegensätzliche Parameter „Matriarchat“ bedeutet, die Übernahme wichtiger Rechte und Pflichten innerhalb der Gemeinschaft erfolgt hier durch die Frau. Natürlich ist dabei immer die Mutter gemeint, alle Erbansprüche folgen der mütterlichen Linie. In all diesen Gesellschaften entscheidet die Frau, wen sie zum Mann nimmt, sie kann ihn auch verstoßen. Es ist ihr natürliches Recht.  Speziell bei Naturvölkern war dieses Modell zu finden. Noch heute sind Reste davon lebendig wie z.B. auf Sumatra, Papua-Neuguinea, im Südpazifik, Nordafrika, um nur einige zu nennen, und überraschenderweise sogar in den USA und in Kanada und zwar wird das Matriarchat dort noch immer von den Nachkommen des Stammes der Irokesen gelebt.
In diesem Zusammenhang mag ein kurzer Blick in die Anfänge des Islam überraschen: Die heute sich nicht gerade als frauenfreundlich postulierende Religion trug durchaus zur Reformation der Rechte von Frauen in der Ehe bei und auch bezüglich des Scheidungsrechtes und des Erbrechtes übertraf sie andere Religionen an Liberalität bei weitem. Das führte zur Anerkennung der Frau als Rechtsperson vor dem Gesetz und so wurde der Frau im Islam (und das im 7. Jahrhundert!) die Mitgift als persönliches Eigentum zu ihrer Verfügung und Absicherung zugesprochen. Die Schari`a, das islamische Recht, bestätigte die Notwendigkeit des Einverständnisses der Frau zur Eheschließung als unerlässlich und auch das Erbrecht für Frauen wurde eingeführt. Selbst eine Koranschule wurde im 9.Jahrhundert n.Chr. von einer Frau gegründet. Sie wurde später die Universität in Fés (Marokko).
Und noch eine überraschende Tatsache sei hier nicht unerwähnt: Im orthodoxen Judentum  gilt als Jude nicht etwa, wer einen Juden zum leiblichen Vater hat, sondern, wessen leibliche Mutter Jüdin ist.
Frauenstudium
In der Schweiz wurde als einem der letzten europäischen Länder sowohl das Recht auf Stimmabgabe (Stimmrecht) als auch das Recht darauf, gewählt zu werden (Wahlrecht) erst im Jahr 1971 eingeführt und bis alle Kantone desgleichen taten, gingen weitere Jahre ins Land. Schlussendlich war erst 1990 die letzte männliche Bastion (Kanton Appenzell Innerrhoden) bezüglich des Wahlrechts gefallen, nachdem das Schweizer Bundesgericht einer Klage von Frauen stattgab. Im Gegensatz dazu war die Schweiz in anderen Bereichen überaus fortschrittlich und konsequent emanzipatorisch.
Nadeschda Prokofjewna Suslowa z.B. war 1866 die erste Frau, die sich an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich immatrikulieren konnte, was für sie in ihrer Heimat Russland unmöglich gewesen war. Als erste Frau gründete sie in St. Petersburg eine Praxis für Gynäkologie und Pädiatrie.
Aus der Antike sind Berichte überliefert, daß Frauen nicht die gleichen Bildungswege wie Männern offenstanden, dennoch war es nicht unmöglich, ein Studium aufzunehmen und nach abgeschlossener Ausbildung auch selbst zu lehren. In der Feudalgesellschaft des Mittelalters mit ihren scholastischen Vorgaben waren es die einflussreichen Kirchen, die den weiblichen Mitgliedern der vornehmen Geschlechter nur dann einen Zugang ermöglichten, wenn etwa durch die Stiftung einer reichen Familie Geld floss. Das änderte sich erst mit der Aufklärung und deren Ideen, insbesondere, was die allgemeine Schulpflicht betraf. Daß hierbei der weibliche Teil der Bevölkerung nicht ausgeklammert werden konnte, lag in der Natur der egalite`- Prinzipien der französischen Revolution: „Omnes, omnia, omnino“, alle sollen alles  lernen (dürfen) und nicht nur, wie es dann später in den höheren Töchterschulen üblich wurde, auf die Pflichten der Ehefrau und Verwalterinnen des Hauses vorbereitet werden.
Um das Maß der Gleichberechtigung in einer Gesellschaft zu quantifizieren, gilt der Anteil von Frauen in verschiedenen Kernbereichen der Gesellschaft als Gradmesser. Anhand der statistischen Erfassung des Frauenanteils in Politik, Bildung und der Arbeitswelt ist eine aussagekräftige Beurteilung möglich. Durch ein Gesetz wurde im Jahr 2001 im sogenannten Bundesgleichstellungsgesetz gesetzlich geregelt, daß in Behörden, sozialen Einrichtungen oder Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten eine Gleichstellungsbeauftragte gewählt werden muß, um die Einhaltung der Erfordernisse bezüglich Chancengleichheit von Mann und Frau am Arbeitsplatz zu gewährleisten und zu überwachen.
Heute ist es kaum mehr vorstellbar, aber es war tatsächlich bis 1977 in dem geschlechtsspezifischen Bundesdeutschen Ehegesetz geregelt und vorgeschrieben, daß die Frau zur unentgeltlichen Haushalts- und Familienarbeit verpflichtet ist.
In der Österreichischen Monarchie wurden Frauen sogar zur Landesverteidigung herangezogen und konnten kraft Gesetz jederzeit dazu verpflichtet werden, diesen Dienst anzutreten.
Eine große Anzahl von Ungereimtheiten wurden in der Frauenbewegung in den 60er Jahren entlarvt. In zunehmendem Maße stellte man sie auf den Prüfstand wissenschaftlicher Betrachtungsweisen. Immer neue Fragen wurden aufgeworfen und in neu geschaffenen Studiengängen zum Thema gemacht, wie z.B. die sogenannte Geschlechtersoziologie. Dieses Fach versucht herauszufinden, was überhaupt unter dem Begriff „Geschlecht“ zu verstehen ist und was sich hinter dem Begriff verbirgt bzw. wie sich deren Gehalt mit fortschreitender Zeit wandelt. Die Geschlechtersoziologie ist Teil der Geschlechterforschung (engl: Gender Studies) und überschneidet und verschränkt sich mit anderen Fachrichtungen wie Geschichte oder Philosophie.
Eine typische Fragestellung, um hier nur eine herauszugreifen, ist das Problem des Verhaltens der Eltern dem Kind gegenüber. Ist etwa ein typisch männliches Spielangebot (Autos, Gewehre, Fußball) oder ein stereotypes, männliche Eigenschaften (Ehrgeiz, Dominanz) bestätigendes Verhalten männlichen Kindern gegenüber dafür verantwortlich, daß sich das Kind als ein „typischer“ Mann“ entwickelt? Kann man mit der Betonung dessen, was man als Junge alles nicht tue, wie etwa: man weint nicht, man muß einen Rüffel vertragen, man sollte sich auf einen Baum klettern trauen usw….das Kind zu einem typisch männlichen Verhalten bringen oder zeigt das Kind letzteres, weil es nicht anders kann aufgrund seines biologischen Geschlechts? Würde ein weibliches, weicheres Spiele-Angebot (Puppen, Rollenspiele, Verkleidungen  usw)  ein anders Verhalten des Kindes initiieren? Solche Fragen stellen das Verhalten der Eltern dem Kind gegenüber auf den Prüfstand und erörtern gleichzeitig die geschlechtsspezifische Fragestellung. Familie und Erziehung ist eines der Hauptthemen der Geschlechtersoziologie.
Religionssoziologie
ist ein von Soziologen und Kulturphilosophen geprägter Begriff, der nach dem 2. Weltkrieg aufkam und rasch an Bedeutung gewann. Der Begriff der Sozialreligion als eine sozial engagierte Richtung des  – vorwiegend christlich verstandenen  -  Glaubens verbindet religiöse Traditionen mit dem immer schneller fortschreitenden gesellschaftlichen Wandel. Die Fragestellung bezieht sich vor allem auf den Zusammenhang von sozialen und religiösen Parametern. Diese tendierten, immer im Lichte allgemeiner sozialer Erfordernisse sehr stark in Richtung Aufwertung der weiblichen Arbeit, allerdings mehr im Sinne eines erforderlichen allgemeinen Schutzes vor Ausbeutung, die die Schwächsten der Gesellschaft betraf. Daß unter diesen vorwiegend Frauen bedürftig waren – oder zu sein schienen – , klingt logisch.
Die heutige Betrachtungs- und Herangehensweise ist mittlerweile eine völlig andere geworden. Frauen gehen, um es einmal so salopp zu formulieren, von einem Standpunkt aus, der in langen Jahren eines unendlichen Leidensweges jetzt endlich erstritten und erobert zu sein scheint: Eine Position der Stärke. Grundprinzip ist die Ansicht, daß sich keine Gesellschaft und umso viel weniger die heutige schnelllebige und fordernde, ja kräftezehrende Leistungsgesellschaft sich erlauben könne, den Teil der Menschheit auszuklammern, der am flexibelsten, am fähigsten, schlussendlich am leidensfähigsten ist.
Internationale Organisationen, Weltkonzerne, ganze Staaten werden von Frauen gelenkt, ein schönes Beispiel ist die kürzlich erfolgte Wahl einer Frau zum Interims-Staatschef in dem Krisengebiet Zentralafrika, die sich quasi die „Quadratur des Kreises“ zutraut. Ein halbes Jahr ist ihr für den Versuch zugestanden, das mit seinen zahlreichen ethnischen Problemen fast hoffnungslos zerstrittene Land wieder in zivilisiertere Bahnen zu lenken. Wer würde diese Aufgabe übernehmen? Eine Frau, Mutter von einigen Kindern, die sich in der Pflicht sieht, ihnen eine Zukunft zu ermöglichen. Bewundernswert.
Feministische Linguistik
Die Sprachwissenschaftlerin Senta Trömel-Plötz, eine führende Sprachwissenschaftlerin, lehrte in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Amerika. In den USA gäbe es mehr Offenheit für feministische Themen, behauptete sie  und sie bekam tatsächlich dann auch trotz zahlreicher richtungweisender Publikationen keine Professur in Deutschland. Frau Trömel-Plötz (Zitat Wikipedia) „leitete damit die Debatte um das vermeintlich geschlechtsneutrale generische Maskulinum [...] ein und kritisierte, dass diese Form eben nicht geschlechtsneutral wirke [...], sondern Frauen gedanklich auslösche.“(Zitat Ende)
Feministische Philosophie
Sie befasst sich mit der weiblichen Sichtweise, Erfahrungen und Erwartungen an die Philosophie und deckt die Diskriminierung der Frau auf, wie sie in der Philosophiegeschichte gebräuchlich und manifestiert ist. Den Ruf als objektive Wissenschaft kann die Philosophie damit nicht aufrechterhalten.
Das Gleiche gilt für die feministische Wissenschaftstheorie, die bisher nur in den USA über Lehrstühle verfügt. Eng verwandt mit der feministischen Wissenschaftssoziologie und Wissenschaftsgeschichte gewinnt sie zur allgemeinen feministischen Theoriebildung immer mehr an Bedeutung. Sie packt das Problem der längst fälligen kritischen Betrachtungsweise von humanwissenschaftlichen Parametern auf und sorgt so für eine Veränderung in Bezug auf die Geschlechtervorstellungen, nicht zuletzt greift sie allgemeine wissenschaftstheoretische Fragen auf insbesondere nach deren Neutralität.

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